Grüner Stahl aus dem Elektroofen

Die Georgsmarienhütte setzt auf Rückenwind durch den Klimaschutz – und steht robust da

Wenn es in Deutschland ein Stahlunternehmen gibt, das sich von Grund auf neu erfunden hat, ist es die 164 Jahre alte Georgsmarienhütte in der Nähe von Osnabrück. Der Hochofen ist lange verschwunden, an seine Stelle ist 1994 ein riesiger Gleichstrom-Lichtbogenofen getreten.

02.03.2020

Statt Koks und Eisenerz werden seitdem Schrotte eingeschmolzen. Die Umrüstung auf Elektrostahl hat das Werk, dem die Stadt Georgsmarienhütte ihren Namen verdankt, seinerzeit vor dem Untergang gerettet: Während die Konkurrenz ihre Hochöfen üblicherweise per Schiff versorgte, musste die Georgsmarienhütte (GMH) Erz und Koks zu hohen Kosten auf dem Landweg herbeischaffen. Die aus der Not geborene Umstellung könnte sich als Segen erweisen. Angestoßen wurde sie vom Unternehmer und späteren RWE-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann, der das defizitäre Unternehmen vom Klöckner-Konzern übernommen hatte. Grund ist die vergleichsweise günstige Kohlendioxid-Bilanz. Verglichen mit der Hochofenroute fallen bei der Stahlerzeugung aus Schrott rund 80 Prozent weniger Treibhausgase an. „Beim Klimaschutz sind wir vorn dabei. Mit Recycling und Kreislaufwirtschaft leisten wir einen großen Beitrag zu einer nachhaltigen Stahlproduktion“, sagt Frank Koch, der das Unternehmen seit Anfang 2017 leitet. Er setzt darauf, dass sich dies mit wachsenden Klimaschutzansprüchen schon kurz und mittelfristig in den Auftragsbüchern niederschlagen wird. 60 Prozent des GMH-Gruppenumsatzes kommen aus der Autoindustrie: In Form von Achsteilen, Zahnstangen, Lenkungskomponenten und vielen anderen Bauteilen fahre jedes vierte Auto aus deutscher Produktion mit Stahl von GMH. „Der CO2-Fußabdruck wird sich zu einem wichtigenVergabekriterium für die Zulieferer entwickeln“, glaubt Koch. Vorläufig macht die Autokonjunktur auch dem Familienunternehmen mit seinen rund 7000 Mitarbeitern gehörig zu schaffen. Im Branchenvergleich steht es freilich noch ziemlich robust da. „Beim Umsatz sind wir mit 1,9 Milliarden Euro einigermaßen geradeaus gefahren“, sagt Koch. Er deutet an, dass sich das Konzernergebnis im vorigen Jahr in etwa entlang der Null-Linie bewegt haben dürfte. Von Stellenstreichungen wie etwa bei Thyssen-Krupp, wo in der Stahlproduktion 2800 Arbeitsplätze wegfallen sollen, ist bisher keine Rede. Koch stemmt sich mit Kurzarbeit und betrieblichen Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung gegen die Absatzflaute: „Wenn irgend möglich, wollen wir die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben an Bord halten.“ Doch der Vorstandsvorsitzende bleibt vorsichtig. „Wir fahren auf Sicht. Bis zum Sommer wird es nicht besser werden, und weiter können wir im Moment nicht schauen.“

0,4 statt 1,7 Tonnen Kohlendioxid

Die Unkenrufe über die Folgen der Elektromobilität für die Stahlkocher hält er allerdings für übertrieben. „Wenn wir es richtig machen, wird genug Geschäft für uns da sein.“ So stehen jetzt schon auch einige Tesla-Lieferanten auf der Kundenliste, und das in Brandenburg geplante neue Werk könne für weitere Aufträge sorgen. „Wir sind ein Stücknäher dran, und das eröffnet Chancen in der Zulieferung“, meinte er. Auf längere Sicht rechnete er mit zusätzlichem Rückenwind für die Elektrostahlkocher. Je nach aktuellen Einkaufspreisen für Erze, Koks und Schrott liegen ihre Herstellungskosten bisher meistens etwas höher als in der Hochofenroute. Aufgewogen werde dies unter anderem durch eine deutlich größere Flexibilität, weil die Elektroproduktion sehr viel einfacher als ein Hochofen herauf- und heruntergefahren werden könne. „Wir produzieren nicht auf Halde“, sagt Koch. Mit strengeren Klimaschutzvorgaben und steigenden Preisen für CO2-Emissionszertifikate dürften sich in wenigen Jahren auch die Kostenkurven kreuzen, so dass Koch dann eine gute Position für den Elektrostahl erwartet. In den modernsten Hüttenwerken fallen bei der Produktion einer Tonne Rohstahl rund 1,7 Tonnen Kohlendioxid an. Nur 0,4 Tonnen sind es, wenn der Stahl aus Schrotten erschmolzen wird. Rund ein Drittel des deutschen Rohstahls kommt bisher aus dem Elektroofen. Warum geht die Branche nicht stärker in diese klimaschonende Richtung? „Rohmaterial gäbe es. In Deutschland ist so viel Schrott wirtschaftlich verfügbar, dass der Elektrostahlanteil auf vierzig Prozent steigen könnte“, sagt Koch. Die „konventionelle“ Konkurrenz von Arcelor über Salzgitter bis Thyssen-Krupp und Tata arbeitet derweil an neuen Technologien, um im Klimaschutz aufzuholen. Aus Kohlendioxid, das im Produktionsprozess entsteht, könnten Synthesegas oder Ammoniak gewonnen werden. Auf lange Sicht geht es darum, Koks und Kohlenstaub mit Milliardenaufwand durch Wasserstoff als Reduktionsmittel zu ersetzen. Bis 2050 will Thyssen-Krupp so weit sein. Um den Wasserstoffklimaneutral herzustellen, sind aber Unmengen von Ökostrom erforderlich. „Allein dafür müsste Deutschland an die 11000 neue Windräder aufstellen“, rechnet Koch vor. Die Kosten der Industrie für die Umstellung auf eine CO2-freie Produktion veranschlagt der Branchenverband Wirtschaftsvereinigung Stahl auf wenigstens 30 Milliarden Euro. Deutlich geringer sind die Kosten im Elektrosegment: Für das Drittel der deutschen Stahlproduktion, das aus Schrotten erschmolzen wird, hält Koch Investitionen von grob 5 Milliarden Euro für nötig. Auch dort kommt es auf die CO2-Bilanz des Stroms an. Doch für klimaneutralen Elektrostahl sei der Bedarf an erneuerbaren Energien um den Faktor fünf geringer als für die energieintensive Wasserstoff-Direktreduktion. „Klimaneutraler Strom ist überall Voraussetzung für grünen Stahl“, sagt Koch. Ohne Scheuklappen verweist er auf Frankreich: Wegen des hohen Anteils von Atomstrom an der Energieversorgung falle die CO2-Bilanz der Stahlindustrie dort deutlich besser aus als in Deutschland. „Wir sollten ergebnisoffendarüber diskutieren, wie wir Klimaschutz und eine verlässliche Energieversorgung am besten hinbekommen. Aber in Deutschland haben wir einige Möglichkeiten wie die Kohlendioxid-Abscheidung kategorisch ausgeschlossen“, sagt er. Damit ist Koch bei der Frage, wie sich die deutschen Hersteller in Zukunft im internationalen Wettbewerb behaupten sollen. „Ich möchte den chinesischen Stahlkonzern sehen, der von Koks auf Wasserstoff umstellt.“ Die von einigen anderen Stahlkonzernen geforderte und von der Europäischen Kommission unterstützte CO2 -Abgabe auf „schmutzigen“ Importstahl hält er für einen gefährlichen Weg – schon deshalb, weil sie das Prinzip der Freiwilligkeit des Klimaschutzes verletze. „Die europäische Wirtschaft ist vom Export abhängig. Da können wir nicht einfach unseren Markt teilweise abschotten und erwarten, dass es in die andere Richtung weiter reibungslos läuft“, sagt der 48 Jahre alte Manager.

„Wir brauchen Planungssicherheit“

Was ihm fehlt, ist ein klarer Fahrplan für die bis 2050 angestrebte Klimaneutralität: „Wir brauchen Planungssicherheit“ – zum Beispiel für die Stromerzeugung. Es sei schwer verständlich, dass die Bundesregierung immer noch mit einem in etwa konstanten Stromverbrauch bis 2030 kalkuliere. Dagegen prognostizieren renommierte Institute einen deutlichen Anstieg des Bedarfs, das Kölner EWI gar um dreißig Prozent. Wie volatil die Versorgung inzwischen manchmal ist, zeige sich im Saarland, wo das Unternehmen einen weiteren Elektroofen betreibt, sagt Koch: „Diese Anlage haben wir schon mehrfach mit kurzfristiger Ankündigung herunterfahren müssen.“ Elektrizität ist für das Unternehmen eine der wichtigsten Kostenpositionen. Trotz der Teilbefreiung von der EEG-Abgabe zur Ökostromförderung rechnet Koch in diesem und den folgenden Jahren mit einem deutlichen Kostenschub in Millionenhöhe. Weitere Belastungen seien durch das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung in Gießereien und Stahlverarbeitung zu befürchten. Vom europäischen Emissionshandelssystem bisher ausgenommen, würden dort in Zukunft Emissionszertifikate für den Einsatz zum Beispiel von Erdgas benötigt. „Es gibt technisch keinerlei ökonomisch sinnvolle Ausweichmöglichkeiten, das wäre eine reine Strafsteuer“, sagt Koch, der deshalb zeitnah auf inzwischen diskutierte Entlastungsregelungen hofft. (Quelle: Helmut Bünder, FAZ 02.03.2020, © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv )

Klaus Schmidtke

Leitung Unternehmenskommunikation der GMH Gruppe